Offener Brief an die Ministerin für Schule und Weiterbildung Sylvia Löhrmann

Sehr geehrte Frau Löhrmann,

der Höflichkeit halber stelle ich mich kurz vor: Ich bin Mutter zweier schulpflichtiger Kinder, in den Mitt-30ern und deutsche Staatsbürgerin. Ich gehöre keiner Partei an, gehe aber dennoch meiner Bürgerpflicht nach regelmäßig wählen. Ich betreibe zahlreiche Weblogs und Webzine und scheue mich nicht meinem Bürgerrecht der freien Meinungsäußerung nachzugehen.

Ich wende mich heute aus verschiedenen Gründen an Sie:

Als Ministerin für Schule und Weiterbildung ist Ihnen bekannt, dass es in Deutschland eine Schulpflicht gibt. Dem ist auch kaum etwas entgegenzusetzen, schließlich haben Kinder und Jugendliche laut Kinderrechtskonvention ein Recht auf Bildung (Artikel 28) . Zwar ist im Grundgesetz nicht explizit festgehalten, dass Kinder und Jugendliche der Schulpflicht unterliegen, die Aufsicht des Schulwesens obliegt jedoch sehr wohl dem Staat (GG. 7 Abs. 1). Die Kulturhoheit ist bei den jeweiligen Ländern und dessen Landesgesetze geregelt. Dies wurde ebenfalls vom Bundesverfassungsgericht bestätigt.

Doch auch dies ist Ihnen sicherlich als zuständige Ministerin bekannt.

Wenn es um das Thema Schule geht, scheiden sich in Deutschland die Geister. Es scheint, als gäbe es zahlreiche Andersdenkende Lager, die es gilt unter „einen Hut“ zu bringen. Wir haben kein einheitliches Schulsystem, was sich allein aus der Anzahl der Bundesländer ergibt. Das ist auch nicht unbedingt zu bemängeln, wenn man zumindest den gleichen Standard hätte.

Unser Schulsystem, mit Verlaub, stinkt zum Himmel.

Auch ich kann davon aus eigener Erfahrung berichten. So kann ich mich noch daran erinnern, im jungen Alter, trotz Androhung zum Ausschluss vom Unterricht, auf den Straßen von Düsseldorf für bessere Schulbildung und gegen die damalige Schulpolitik der damaligen Landesregierung protestiert zu haben. Einen Schulverweis habe ich nicht erhalten, denn wie soll man 3/4 aller Schüler verweisen, ohne auf eine plausible Erklärung zurück greifen zu können? Daher hat man damals, m.E. auf den Skandal verzichtet und die Schülerproteste zugelassen. Doch ich möchte nicht vom Thema abkommen und mich der realen und derzeitigen Situation widmen; diese zugleich mit meinen eigenen Worten wiederzugeben. Über etwaige PISA-Studien möchte ich mich in diesem Brief nicht unbedingt auslassen, denn von europäischen Vergleichen halte ich nicht viel.

Über die Qualität des „heutigen“ Unterrichts möchte ich mich sehr wohl auslassen. Oder wie erklären Sie sich, dass Grundschulkinder im Lehrfach Englisch innerhalb der ersten dreieinhalb Jahre nicht einmal fünf zusammenhängende Sätze bilden können? Dies ist nur eines der Beispiele, die ich gewillt bin aufzulisten.

Und obwohl Sie sicherlich der falsche Ansprechpartner sein dürften, sind in vielen Lehrbücher falsche Angaben zu finden. Deutlich wird dies in Schulbüchern für die siebente bis zehnte Klasse. Dies wurde bereits im Jahr 2007 von Stiftung Warentest bemängelt, die in einem Test von 17 Bio- und Geschichtslehrbüchern aufzeigte, dass falsche Angaben in Schulbüchern als „bedenklich“ einzustufen sind. Es kamen nicht nur inhaltliche Fehler zum Tragen, sondern auch auf didaktische Schwächen wurde hingewiesen.

Als Elternteil möchte ich Sie fragen, wie es möglich sein kann, dass Grundschulkinder bereits ab der ersten Klasse Nachhilfe-Unterricht benötigen? Ferner würde mich interessieren, warum der größte Teil der Lehrer einfach nur noch ihren Soff durchziehen; weder die Lösungen von Klassenarbeiten besprechen und die Kinder mit „Fragezeichnen im Kopf“ zurück lassen!?

Nach zahlreichen Gesprächen mit vielen Selbstständigen und potenziellen Arbeitgebern (KMU) habe ich immer mehr vermehrt vernehmen müssen, dass unsere Jugend gar nicht mehr „ausbildungsfähig“ ist. Dies weist darauf hin, dass unser Bildungsniveau gesunken ist. Was auf der einen Seite erschreckend wirkt, ist auf der anderen Seite ein Grund zur Jubelei. Vor allen Dingen, wenn man aus einer Kommune stammt, in der erstmals in der Geschichte kein einziger Viertklässler fürs kommende Schuljahr an einer Hauptschule angemeldet wurde. Dürfen wir uns nun für unser Bildungssystem* beglückwünschen?

*Angemerkt sei hier: Meine Familie lebt in dieser Kommune.

Hierzu schreibt RPOnline / Zitat:

„Von den knapp 500 Viertklässlern, die im Sommer die Meerbuscher Grundschulen verlassen, meldeten die Eltern nicht einen einzigen an einer Hauptschule an.
Rund fünf Prozent der Kinder hatten eine Empfehlung erhalten, künftig die Hauptschule zu besuchen.“

Nun hat diese Meldung und dieser Umstand gleich mehrere Folgen. Ich konzentriere mich auf die negativen Folgen: Das Niveau beim dreigliedrigem Schulsystem sinkt ins Bodenlose. Dies wäre also das „Worst-Case-Szenario.“

Während Deutschland, angestoßen durch die Aussage von Philosoph Richard David Precht, über neue Schulreformen diskutiert, stellen sich für mich eher weitere Fragen, als über eine Auflösung der klassischen Schulfächer sowie über die Notenvergabe zu diskutieren. Auch mit dem Thema „Sitzenbleiben“ kann man sich zu gegebener Zeit beschäftigen. Wobei m.E. das Niveau der deutschen Schulbildung noch weiter sinken würde.

Der katastrophale Zustand unseres Bildungssystems hängt sicherlich nicht nur mit schlechten Schulbüchern oder einem dreigliedrigem Schulsystem zusammen. Schaut man auf die Situation vieler Lehrer, kann einem doch Angst und Bange werden. Wie die Süddeutsche Zeitung am 13. Mai 2013 in ihrer Online-Ausgabe berichtete, verfügen zahlreiche (nicht verbeamtete) Lehrkörper lediglich über befristete Arbeitsverträge. Ferner beruft sich die SZ auf Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA),wo sich in den Sommerferienmonaten 2012 bundesweit 5400 Lehrer zusätzlich arbeitslos meldeten.

Zitat: 

Länder sparen auf Kosten der Bundesagentur für Arbeit

Dass Länder so auf Kosten der Arbeitslosenversicherung sparen, ist nicht neu: Bereits 2001 hatte der Bundesrechnungshof kritisiert, Länder würden sich „eines Teils ihrer Arbeitgeberverpflichtungen zulasten des BA-Haushalts entledigen“.

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Auch wenn sich einige Aussagen in den Medien als polemisch erweisen: Die Hart IV Reformen, eingeführt unter rot-grüner Regierung des Bundes, haben schon längst Einzug in unsere Schulklassen gehalten und machen nun nicht vor den Lehrern halt. Ein solches Verfahren der Lehrerbeschäftigung zerstört zudem die Qualität der Bildung und ist, meines Erachtens, ein Armutszeugnis für den Kultusbereich. Es entsteht eine 4 Klassen Lehrerschaft. Dies ist besonders in NRW auffällig. Natürlich bleibt es einem Arbeitgeber überlassen, wie er sein Vertragsrecht ausübt. Moralisch steht dieses Verhalten jedoch auf einem ganz anderem Blatt Papier.

Wenn wir dann schon bei den Einsparungen der Länder im Schulbereich sind, möchte ich als Mutter von schulpflichtigen Kindern noch eine entscheidende Frage stellen:

Warum werden Kosten, die eigentlich vom zuständigen staatlichen Organ getragen werden müssten, auf die Eltern abgewiegelt?

In Deutschland scheint es in den letzten Jahren sehr in Mode gekommen zu sein, so genannte Fördervereine zu gründen. Natürlich soll es den Schulkindern an nichts fehlen, daran ist nichts auszusetzen. Allerdings bemängel ich mittlerweile die Häufung der finanziellen Unterstützung, die Eltern an die Schulen leisten müssen bzw. sollten, obwohl es nicht in deren Aufgabengebiet fällt.

Auch hier macht mich die Reaktion vieler Eltern, die diesen Umstand einfach so hinnehmen, mehr als wütend. Während sich Staat und zuständige Länder mit guten Bildungsmöglichkeiten brüsten wollen, so werden die Eltern verstärkt zur Kasse gebeten.

Die finanzielle Unterstützung umfasst nicht nur den jeweiligen Förderverein, zu dem man als Elternschaft „animiert“ wird. Ebenso wird die physische Unterstützung, in Form von elterlichen Hilfe, mehr als gefordert. Über die Hilfsbereitschaft der Eltern lässt sich nun wirklich nicht klagen. Dennoch erscheint es ein falscher Weg zu sein, die finanzielle Verantwortung auf die Eltern abzuwälzen. Natürlich spreche ich hier nicht die privaten Vergnügungen an, wie z.B. die Klassenfahrten oder die Einrichtung einer Klassenkasse. Auch prangere ich nicht etwaige Zuzahlungen für Schulbücher an.

Mir ist ebenso bewusst, dass ein Ausbau an Ganztagsbetreuung in Schulen einen erheblichen Anteil an finanziellen Mitteln voraussetzt, die jedoch nicht nur vom Land, sondern auch von den Kommunen sowie dem Bund übernommen werden.

Vielmehr prangere ich an, dass sich die staatlichen Organe an normalerweise alltäglichen Dingen der finanziellen Verantwortung entziehen. Dort hingegen werden die Eltern tatkräftig „gemolken“, oder wie erklären Sie sich, dass Schulen beispielsweise Kopiergeld und auch Papiergeld einsammeln !?

So ergeben sich Kosten für Eltern, die fast unüberschaubar sind. Neben den allgemeinen Anschaffungskosten der Lehrmittel, hier auch mit bestimmten Anweisungen für etwaige Markenartikel, kommen sowohl Papiergeld, Kopiergeld, Kosten für die Teilnahme an der Ganztagsbetreuung plus die jeweilige Verpflegung in der Schule, Förderverein, Klassenkasse, Ausflüge, Fahrkarten und Toilettengeld dazu. In meinem letzten Beitrag habe ich bereits über das „Toilettengeld“  meinen Unmut verlauten lassen. Von der investierten Zeit möchte ich erst gar nicht reden.

Mit diesem Satz möchte ich meinen Brief an Sie nun beenden und freue mich über eine baldige Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

2 Comments

  1. Claas sagt:

    Genau richtig! Bei uns in Bremerhaven gibt es bei rund 100.000 Einwohnern nur noch EIN Gymnasium mit 6 Klassen je Jahrgang! Es können also rund 180 Schüler pro Jahr auf das Gymnasium gehen…DAS ist traurig und in 10 bis 15 Jahren ist das Gejammer dann wieder groß… Da muss etwas passieren!

  2. Ein harter Brief wie ich finde. Allerdings hat der Inhalt seine Daseinsberechtigung. Und wenn es die Herren und Damen nicht begreifen wollen, wie wichtig ein gutes und funktionierendes Schulsystem ist, dann weiß ich auch nicht.

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